El Sal­va­dor war­tet noch immer auf Gerech­tig­keit

Pro­zess gegen regie­rungs­kri­ti­sche „Ali­anza El Sal­va­dor en paz“ erneut ver­scho­ben

Vor über 2 Jah­ren wur­den 10 Mit­glie­dern der Ali­anza El Sal­va­dor en paz ter­ro­ris­ti­sche Anschlags­plä­ne vor­ge­wor­fen. Die Ali­anza El Sal­va­dor en Paz ist eine Orga­ni­sa­ti­on von Vete­ra­nen und ehe­ma­li­gen Kom­bat­tan­ten, in der frü­he­re Sol­da­ten der Streit­kräf­te und frü­he­re FMLN-Kämp­fer gemein­sam für sozia­le Aner­ken­nung, demo­kra­ti­sche Rech­te und die Bewah­rung des Frie­dens­pro­zes­ses ein­tre­ten. Seit über 2 Jah­ren sit­zen sie in Unter­su­chungs­haft und war­ten auf einen Pro­zess, oder zumin­dest auf eine kon­kre­te Ankla­ge. Sie sind nicht die ein­zi­gen Men­schen in El Sal­va­dor, die seit Jah­ren in einem der zahl­rei­chen, über­füll­ten Gefäng­nis­se sit­zen und auf Gerech­tig­keit war­ten. Jetzt wur­de der für August ange­setz­te Pro­zess auf den 7.–10. Sep­tem­ber ver­scho­ben.  Die Begrün­dung klingt frag­wür­dig. Die Inter­net­ver­bin­dung zwi­schen Gericht und Gefäng­nis habe nicht funk­tio­niert, teil­te die zustän­di­ge Rich­te­rin mit. Ihr Name und ihr Gesicht sind den Ange­klag­ten und deren Anwäl­ten nicht bekannt. Das Aus­nah­me­recht macht sol­che intrans­pa­ren­ten Gerichts­ver­fah­ren mög­lich. Für vie­le Sal­va­do­ria­ne­rin­nen und Sal­va­do­ria­ner bestä­tigt sich damit ein Mus­ter, das sie nur zu gut ken­nen: Wenn die Gerich­te in El Sal­va­dor kei­ne Bewei­se auf­wei­sen kön­nen, mit denen Vor­wür­fe gegen Oppo­si­tio­nel­le oder kri­ti­sche Stim­men belegt wer­den kön­nen, wer­den Pro­zes­se bei bestehen­der Unter­su­chungs­haft immer wei­ter ver­schleppt.

Ein gefähr­li­ches Déjà-vu

Die­se Prak­ti­ken erin­nern an die dun­kels­ten Kapi­tel der Geschich­te die­ses Lan­des. Bis zum Ende des blu­ti­gen Bür­ger­krieg 1992 war das Ver­schwin­den­las­sen von Oppo­si­tio­nel­len ein sys­te­ma­ti­sches Mit­tel staat­li­cher Unter­drü­ckung. Auch heu­te „ver­schwin­den“ wie­der kri­ti­sche Men­schen. Unter dem seit 2022 gel­ten­den Aus­nah­me­zu­stand wer­den tau­sen­de Men­schen ohne Ankla­ge fest­ge­hal­ten, oft ohne Kon­takt zur Außen­welt, ohne Rechts­bei­stand, ohne Aus­sicht auf ein fai­res Ver­fah­ren. Vie­le sit­zen seit Jah­ren in Haft, ohne dass ein Rich­ter ihre Fäl­le je gese­hen hat. Die zehn Ange­klag­ten der Ali­anza El Sal­va­dor en Paz ste­hen exem­pla­risch für die­se Ent­wick­lung. Ihre Inhaf­tie­rung, die feh­len­de Trans­pa­renz und die wie­der­hol­ten Ver­zö­ge­run­gen des Ver­fah­rens zei­gen, dass der Staat nicht an einer rechts­staat­li­chen Klä­rung inter­es­siert ist.

Die alten Mus­ter der Macht

Die Unter­drü­ckung der Bevöl­ke­rung zuguns­ten einer klei­nen wirt­schaft­li­chen Eli­te war einer der zen­tra­len Aus­lö­ser des Bür­ger­kriegs. Die soge­nann­ten 14 Fami­li­en kon­trol­lier­ten über Jahr­zehn­te Land, Wirt­schaft und Poli­tik. Ihre Inter­es­sen stan­den über denen der Bevöl­ke­rung – und somit über denen des Lan­des. Die dama­li­ge Regie­rung stell­te sich bereit­wil­lig in den Dienst der Eli­ten und den impe­ria­lis­ti­schen, aus­län­di­schen Stra­te­gien, ins­be­son­de­re denen der USA.

Heu­te ist die Struk­tur der Macht kom­ple­xer, aber die Logik bleibt ähn­lich: Wie­der müs­sen die Men­schen in El Sal­va­dor befürch­ten, dass ihre gemein­sa­men Inter­es­sen zuguns­ten ein­sei­ti­ger Deals geop­fert wer­den. Roh­stoff­ab­kom­men, Berg­bau­pro­jek­te und aus­län­di­sche Inves­ti­tio­nen wer­den ihnen als wirt­schaft­li­che Chan­cen ver­kauft. Doch wer­den sie nur weni­gen Men­schen zugu­te­kom­men. Die Trink­was­ser­ver­sor­gung des Lan­des und die Umwelt dro­hen dage­gen irrever­si­bel geschä­digt zu wer­den. Statt das Land nach­hal­tig zu sta­bi­li­sie­ren, eine Wirt­schaft auf­zu­bau­en, die allen nützt, wer­den mit „Deals“ die Pro­fit­süch­te aus­län­di­scher Kon­zer­ne bedient.

Ein Land, das Gerech­tig­keit ver­dient

Die Ver­schie­bung des Pro­zes­ses gegen die Mit­glie­der der Ali­anza El Sal­va­dor en Paz ist des­halb mehr als eine büro­kra­ti­sche Ver­zö­ge­rung. Sie ist ein Sym­ptom eines Sys­tems, das kri­ti­sche Stim­men fürch­tet und demo­kra­ti­sche Kon­trol­le ver­mei­det. Ein Land, das sei­ne Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ohne Ver­fah­ren ein­sperrt, das poli­ti­sche Geg­ner iso­liert und das wirt­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen trifft, die die Lebens­grund­la­gen der Bevöl­ke­rung gefähr­den, kann nicht von Gerech­tig­keit spre­chen. El Sal­va­dor hat eine lan­ge Geschich­te des Kamp­fes für Frei­heit, Wür­de und Rechts­staat­lich­keit erlei­den müs­sen, die zig­tau­sen­de Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit dem Leben bezahlt haben. Die Men­schen die­ses Lan­des haben ein Recht dar­auf, dass die­se Opfer nicht ver­ra­ten wer­den und dass die­se Geschich­te nicht wie­der­holt wird. Sie haben ein Recht dar­auf, dass am 7. Sep­tem­ber end­lich damit ange­fan­gen wird, dem Land und den Men­schen Gerech­tig­keit zu geben.