Stel­lung­nah­me – Groo­ming / Reak­ti­on im Bun­des­tag

Ist Groo­ming zum Lachen?

Nein. Ganz im Gegen­teil.

Groo­ming und jede ande­re Form sexu­el­ler Aus­beu­tung, sexua­li­sier­ter Gewalt und des Men­schen­han­dels müs­sen straf­recht­lich ver­folgt und klar ver­ur­teilt wer­den. Wer Frau­en und Mäd­chen wirk­lich schüt­zen möch­te, muss zudem die For­de­run­gen von Fach- und Betrof­fe­nen­ver­bän­den nach umfas­sen­der Auf­klä­rungs­ar­beit, flä­chen­de­cken­der Finan­zie­rung von Bera­tungs­stel­len, Jugend­zen­tren und Schutz­räu­men ernst neh­men – und anfan­gen, sie umzu­set­zen.

Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt nur dann zu erwäh­nen, wenn sie für ras­sis­ti­sche Nar­ra­ti­ve instru­men­ta­li­siert wer­den kön­nen, und gleich­zei­tig Maß­nah­men abzu­leh­nen, die Betrof­fe­ne nach­weis­lich schüt­zen wür­den, hilft dage­gen nie­man­dem – außer den Tätern.                   

Dass aus­ge­rech­net die Par­tei, die sich eine „geziel­te Poli­tik für Män­ner“ zum Pro­gramm macht und dem Sexis­ten, Sexu­al­straf­tä­ter und Epstein-Freund Donald Trump hofiert wie kei­ne ande­re, sich nun als Ver­tei­di­ge­rin von Frau­en und Mäd­chen insze­nie­ren will, ist absurd.

Genau die­ser Absur­di­tät – und nichts ande­rem – galt mein Lachen im Ple­nar­saal.

Bei mei­ner Reak­ti­on ging es genau­so wenig um die Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt, wie es in der Rede von Frau Wei­del um sie ging: gar nicht.

Die aktu­ell dis­ku­tier­te Rede von Frau Wei­del war kei­ne fach­po­li­ti­sche Rede zum The­ma Groo­ming, son­dern ein all­ge­mei­ner Bei­trag, wie er im Rah­men von Ant­wor­ten auf Regie­rungs­er­klä­run­gen üblich ist. Die­se Büh­ne nutzt die AfD regel­mä­ßig für Hetz­ti­ra­den, in denen sie inhalt­lich vor allem ein Ziel ver­folgt: Die Ursa­che für jedes erdenk­li­che poli­ti­sche Pro­blem in der Migra­ti­ons­po­li­tik zu suchen – und sich so erst gar nicht um dif­fe­ren­zier­te Posi­tio­nen oder rea­le Lösungs­an­sät­ze bemü­hen zu müs­sen.

Die­se Stra­te­gie ist nichts Neu­es; bei The­men­fel­dern wie dem der sexua­li­sier­ten Gewalt aber beson­ders per­fi­de. Durch das ras­sis­ti­sche Framing wer­den unzäh­li­ge Opfer unsicht­bar gemacht – dar­un­ter struk­tu­rell benach­tei­lig­te Mäd­chen und Frau­en mit Migra­ti­ons­ge­schich­te. Täter, die nicht dem von AfD & Co gezeich­ne­ten Bild ent­spre­chen, blei­ben dage­gen unbe­hel­ligt.

Und dar­an — das möch­te ich beto­nen — ist über­haupt nichts lus­tig.

Soll­te durch mei­ne Reak­ti­on der Ein­druck ent­stan­den sein, ich wür­de die­ses Vor­ge­hen der AfD, das Leid der Betrof­fe­nen in Nürn­berg oder gar das The­ma sexua­li­sier­te Gewalt im All­ge­mei­nen nicht ernst neh­men, bedaue­re ich das sehr.

Dies­be­züg­lich kann ich nur dazu ein­la­den, sich anhand mei­ner Arbeit und mei­nes Lebens­wegs ein eige­nes Bild von mir zu machen – und kri­tisch zu prü­fen, wes­sen Stim­me in einer sol­chen Debat­te Gehör geschenkt wird.

Ob Per­so­nen wie „Nius“-Kommentator Juli­an Rei­chelt, der 2021 nach Vor­wür­fen im Zusam­men­hang mit Macht­miss­brauch und sexu­el­len Bezie­hun­gen zu Mit­ar­bei­ten­den sei­nen Pos­ten als BILD-Chef­re­dak­teur ver­lor, authen­ti­sche Ver­tre­ter des Betrof­fe­nen­schut­zes sind, muss letzt­lich jede*r für sich ent­schei­den.

Ich für mei­nen Teil möch­te die Auf­merk­sam­keit, die mir in den letz­ten Tagen zuteil gewor­den ist, nut­zen, um noch ein­mal auf Orga­ni­sa­tio­nen wie die Nürn­ber­ger Bera­tungs­stel­le LILITH e.V. hin­zu­wei­sen, deren For­de­run­gen ich tei­le und unter­stüt­ze.

Groo­ming betrifft eine hete­ro­ge­ne Grup­pe jun­ger Mäd­chen. Täter kom­men häu­fig aus dem sozia­len Umfeld der Betrof­fe­nen. Aus sol­chen Fäl­len lässt sich nicht ablei­ten, dass die­ses Phä­no­men an eine bestimm­te Natio­na­li­tät oder ein bestimm­tes Alter gebun­den wäre.

Ent­schei­dend ist des­halb, Orga­ni­sa­tio­nen, Bera­tungs­stel­len und Schutz­an­ge­bo­te finan­zi­ell und per­so­nell gut aus­zu­stat­ten. Eben­so braucht es auf­su­chen­de Jugend­so­zi­al­ar­beit vor Ort – etwa an Bahn­hö­fen und ande­ren Orten, an denen gefähr­de­te Jugend­li­che erreich­bar sind. Straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen allein zu pro­pa­gie­ren, reicht nicht aus. Sie sind not­wen­dig, aber erset­zen kei­nen Opfer­schutz. Hin­zu kommt, dass psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ange­bo­te für Kin­der und Jugend­li­che wei­ter­hin unzu­rei­chend sind; zuletzt wur­den Hono­ra­re für Fachtherapeut*innen sogar gekürzt.

Zu all dem konn­te ich bis­her kei­ner­lei ernst­haf­te Initia­ti­ven aus den Rei­hen der AfD ver­neh­men.

Ich hof­fe den­noch auf eine sach­li­che Wei­ter­füh­rung der Debat­te, die den Fokus zurück auf die Bedürf­nis­se und For­de­run­gen der Betrof­fe­nen sexua­li­sier­ter Gewalt lenkt und bedan­ke mich bei allen, die ihren Teil dazu bei­tra­gen.

Allen Betrof­fe­nen und ihren Fami­li­en wün­sche ich wei­ter­hin viel Kraft.